Kapitel 1: Die Architektur des Zweifels
„Ich habe die Satellitendaten der letzten fünf Jahre über den Sektor 7-B verglichen“, erklärte Hänsel und zoomte in eine grüne Fläche hinein, die auf der Karte als „unzugängliches Dickicht“ markiert war. „Da ist eine thermische Anomalie. Immer zur gleichen Zeit, jeden Vollmond, gibt es dort einen Hitzeausstoß, der physikalisch keinen Sinn ergibt. Kein Waldbrand, keine vulkanische Aktivität. Es ist punktgenau. Ein einzelner Punkt, der für zwei Stunden auf fast 300 Grad aufheizt und dann einfach verschwindet.“
Gretel trat näher. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. „Der Ofen.“
„Genau“, flüsterte Hänsel. „Die Welt nennt uns Lügner, Gretel. Sie nennen uns instabil. Aber die Daten lügen nicht. Die Mathematik lügt nicht. Irgendetwas ist dort draußen immer noch aktiv. Etwas, das Hitze erzeugt, ohne zu verbrennen.“
Gretel sah ihren Bruder an. In seinen Augen sah sie nicht mehr die Angst des kleinen Jungen, sondern einen brennenden Hunger nach Gerechtigkeit. Es ging nicht mehr nur darum, zu überleben. Es ging darum, die Welt zu zwingen, ihnen zu glauben.
„Wir können nicht einfach hingehen“, sagte Gretel leise. „Die Eltern werden uns nie lassen. Sie haben immer noch Angst, dass wir einen 'Rückfall' haben.“