Prolog: Die Lüge der Vernunft - 1 / 37 Seiten

Prolog: Die Lüge der Vernunft

Es gibt Erinnerungen, die wie Glassplitter in der Seele stecken – man spürt sie nicht immer, aber sobald man sich bewegt, schneiden sie tief. Für Hänsel und Gretel waren diese Splitter aus Zucker und Blut.

Als sie zehn Jahre alt waren, geschah es. Der tiefe Forst, das Haus, das nach Vanille und gebrannten Mandeln roch, die Frau mit den grauen Augen und dem Ofen, der die Hitze der Hölle ausstrahlte. Sie hatten überlebt. Sie waren zurückgekehrt, mit Gold in den Taschen und Panik in den Augen. Doch die Welt der Erwachsenen ist ein Ort der kalten Logik. Die Polizei fand kein Haus. Die Forstbeamten fanden keine Spuren von Kampf oder Brand. Die Psychologen sprachen von „gemeinsamer Psychose“, einer traumatischen Reaktion auf die Armut ihrer Eltern und die Isolation im Wald.

Man gab ihnen Medikamente, man gab ihnen Therapie, man gab ihnen ein neues Leben. Doch man nahm ihnen die Wahrheit. Zehn Jahre lang mussten sie hören, dass ihre Erinnerungen nur Konstrukte ihres Verstandes waren. Dass es keine Hexe gab. Dass das Lebkuchenhaus ein Fiebertraum war.